Bigwall

Ein Kletter-Highlight in Süd-Norwegen muss wohl der Haegefjell sein. Vor allem über eine Route wird da oft berichtet, der „Via Lara“. Wenn wir uns Bilder ansehen, sind auch wir richtiggehend angefixt. Mit 7 Seillängen a 50m im 4ten Grad ist die Route seit längerer Zeit die grösste Unternehmung die wir uns anschauen. Sie ist komplett clean, hat also auch keine Stände wo man zur Not wieder abseilen könnte, daher sollten die Bedingungen schon stimmen. Das Meteo hat für die nächsten Tage hohe Temperaturen und evtl. kleine Gewitter bereit. Mal schauen was daraus wird…

Auf dem Weg zum Haegefjell machen wir eine erste MSL „Harry Pothead“ in sehr plattigem Gelände auf dem Baremslandfjellet im Nissedal. Das sind 3 Längen a je 60m, zum grossen Teil gebohrt. Die Platten sind plattig (Wir beide mögen Plattenkletterei nicht besonders) und die Sonne brennt. In meiner Länge habe ich eine kurze Krise weil ich just nicht an den nächsten Haken komme ohne in eine Schlüsselstelle zu klettern und die letzte Absicherung schon ca. 6m. zurückliegt (diese doofen grossen Männer denken beim Bohren nie daran, dass es auch kleinere Menschen gibt! Hmpf!). Mit ein wenig Gebastel kriege ich das dann hin und lande am Stand gleich im nächsten Stress: Ameisen! Während ich Basho nachsichere hüpfe ich wie blöd herum und versuche die grossen Ameisen von meinen Beinen, Armen und vom Seil zu schütteln, lästige Biester die sich ganz schön festbeissen… Nach nur 3 Seillängen bin ich deshalb ganz schön platt, jetzt wo das Adrenalin weg ist.
Das schön an dieser Tour ist der Abstieg. Oben steht man auf gigantischen Steinplatten mit kleinen Insel von Bäumen, Moos, Flechten und dazwischen Waldstücke mit Haufenweise Heidelbeeren darauf. Das Gelände lädt geradezu ein zum Barfussgehen!

Wir telefonieren mit Matthias. Er ist auf der Fähre und soll schon Morgen bei uns eintreffen! In Kristiansand möchte der Walliser Kletterfinken kaufen und für 3 Tage ein Auto mieten mit dem er dann zu uns kommt. Es entbrennt eine Diskussion wo wir für diese Zeit hinwollen. Da die Strasse im Nissedal nicht komplett um den See führt, und wir somit mehr als 100km extra fahren würden um in das vorgeschlagene Gebiet zu kommen, entscheiden wir uns kurzerhand Matthias mit zum Haegefjell zu nehmen.
Den angebrochenen Tag verbringen wir zum grossen Teil mit Nichtstun. Wir haben gestern wohl ein bisschen viel Sonne erwischt, Basho hat mit Übelkeit zu kämpfen, denkt es sei ein Sonnenstich. Als es zum Abend hin dann ein bisschen abkühlt, geht es besser und wir hängen im Treiningsfjellet, einem kleinen Klettergarten direkt an der Strasse noch 2-3 Routen, bevor wir weiterfahren auf einen Stellplatz, da unser Wasservorrat leer ist.

Matthias kommt zur Mittagszeit auf den Stellplatz. Noch etwas Plaudern, noch etwas Essen, Wasser tanken und dann gehts los zum Kjøberg, ein hübscher Klettergarten nur einen Katzensprung entfernt. Die Routen sind nach all der Plattenkletterei endlich wieder etwas steiler und im Wald ist es angenehm temperiert, perfekt damit sich die Männer austoben können. Ich habe nach wenigen Längen genug und übernehme das fotografieren.

Am selben Abend fahren wir den Berg hoch bis zu einem wunderschönen See mit eigenem VIP- Sandstrand. Matthias bringt Grillgut und Bier (in Norwegen zwar überall erhältlich, aber super teuer). Nur die vielen kleinen Kriebelmücken (haben wir in Schweden für Fliegen gehalten) stören ein wenig den ansonsten perfekten Abend.

Der Parkplatz vom Haegefjell liegt auf 600 Hhm., wenige Meter vor der 400m hohen Felswand. Um da hochzufahren, bezahlt man als Camper 200 Kronen Maut. Das Geld wird in eine Box gesteckt, in der aktuell winzig kleine Vögel nisten. Die Strasse hoch ist kurvenreich, aus festgepresstem Kies und vielen Quer-Rillen die sich durch die vielen Autos gebildet haben. Wir machen uns etwas Sorgen, dass sich durch die enorme Vibration (obwohl Basho brav versucht den Rillen auszuweichen) Schrauben lösen könnten. Beim Check bemerken wir nichts dergleichen, dafür ist der komplette Innenraum mit einer Staubschicht belegt. Scheisse! Somit ist erstmal 30min putzen angesagt. Wir lernen: bei unbefestigten Strassen Fenster schliessen und Lüftung ausschalten! Dumm nur, dass beim Mietauto von Matthias die Scheibe nicht mehr hochgeht.

Wir gehen Bouldern: Viele Steinblöcke liegen verteilt am Waldrand, Zustieg vom Weg ca. 5 Sekunden.

Am Abend suchen wir noch den Einstieg für die Via Lara und entschliessen am nächsten Morgen zu dritt einzusteigen.

Ca. um 9 Uhr sind wir am Wandfuss, schon etwas verschwitzt vom Stein-zu-Stein-hüpfen im Moorgebiet, Basho folgend der mit seinen Sandalen mitten durch das Nass spaziert. Da stellen wir fest, dass absolut keine Eile geboten ist: es sind noch 3 andere Seilschaften in der Route, die Letzte ist erst gerade gestartet. So machen wir uns ready und hoffen, irgendwann überholen zu können, um nicht in der Wand gegrillt zu werden. Leider scheinen es unsere Vorkletterer nicht zu eilig zu haben.

Mehrmals werden wir gefragt, ob das unsere erste Bigwall sei. Wir würden das Mehrseillänge nennen, die Norweger sind da mehr von den Amis inspiriert und nennen es Bigwall. Bald merken wir, dass auch eine ganz andere Mentalität dahinter steckt. Wo wir versuchen ein ordentliches Tempo zu klettern, verbringen sie oftmals den ganzen Tag in der Wand, mit Essen, Fotografieren etc. – zum Glück sind die Sommertage in Norwegen so lang und man kann ohne Stirnlampe bis in die Nacht hinein klettern. Die Via Lara wird im Kletterführer als Einsteigerroute angepriesen, was die Beliebtheit der Route steigert und das Tempo der Kletternden und Stand-Bauenden nicht gerade erhöht.
Basho steigt die ersten 3 Längen vor und überholt in der ersten Länge nach fast einer Stunde Wartezeit in der Wand die erste Seilschaft. Ab dann geht es zügig voran. Geklettert wird in einem schönen Risssystem, was super abgesichert werden kann und auch Standplätze sind gut bis sehr gut zu finden und abzusichern. Für die vierte Länge wechselt Matthias in den Vorstieg. Da er jedoch mit nigelnagelneuen Finken klettert und die schmerzenden Füsse im Vorstieg nunmal länger belastet werden, gibt er den Lead für die restlichen 3 Längen an mich ab. Da überholen wir nochmals eine Seilschaft und kommen nach gut 6h oben an, exakt zur rechten Zeit damit Basho noch an einem kurzen Meeting teilnehmen kann. Schattensuchend setzen wir uns hinter einen grossen Stein und essen etwas, bevor wir in 2 weiteren Stunden nach unten wandern.

Eine wirklich schöne Route, die wir auf jeden Fall weiterempfehlen können, auch wenn nicht umbedingt an Trad-Anfänger.
Für Matthias war das ein krönender Abschluss seines Kletter-Ausfluges. Unten angekommen, packt er seine Sachen und fährt zurück zu seinem Velo und seinem Abenteuer. Wir wünschen viel Spass!

Zurück im Camp unterhalten wir uns noch mit zwei Norwegern, den Freunden von der ersten Seilschaft die wir überholt haben. Sie beginnen sich langsam Sorgen zu machen, wo die bleiben und gehen spät abends los auf die Suche. Dass es unten keinen Handyempfang gibt, ist in dieser Situation nicht förderlich. Um 23 Uhr kehren alle heil zurück: Das war ein grosses Abenteuer in der Bigwall, dass sie so schnell nicht vergessen werden!

Angefixt von der schönen Tour, steigen Basho und ich am nächsten Tag in die Route „Sternschnuppe“ ein. Auch sie ist komplett clean und nur wenig schwerer als Via Lara bewertet. Wir schlafen aus und sind erst zur Mittagszeit an der Wand. Leider ist der Verlauf der Route mit Abstand nicht so eindeutig wie bei Via Lara und die Absicherbarkeit und Standplätze auch nicht so schön, weshalb wir für einige Längen deutlich länger haben als vorher. Wir schaffen die 9 Längen jedoch in etwa 5h, so dass wir pünktlich zum Nachtessen wieder unten wären, entscheiden uns dann jedoch gleich weiterzufahren – zurück zum schönen See.

Tschüss Haegefjell! Vielleicht ein ander Mal mit Mat Solo oder Hägar…

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